Martin Luthers Turmerlebnis

Martin Luthers Turmerlebnis

– Dr. Martin Luther (Wittenberg) –

»Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes,
die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,
welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2:4):
»Der Gerechte wird aus Glauben leben« (Römer 1:16-17)

Inzwischen war ich schon in diesem Jahr zum Psalter zurückgekehrt, um ihn von neuem auszulegen. Ich vertraute darauf, dass ich nun geübter sei, nachdem ich die Briefe des Sankt Paulus an die Römer und an die Galater und den Hebräerbrief in den Vorlesungen behandelt hatte. Es war gewiss wunderbar, von welchem glühenden Eifer ich ergriffen worden war, Paulus im Brief an die Römer kennenzulernen, aber mir hatte bis dahin nicht die Kälte des Herzens im Wege gestanden, sondern ein einziges Wort, das im ersten Kapitel steht (1:17): Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (Evangelium) offenbar. Denn ich hasste dieses Wort »Gerechtigkeit Gottes«, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Doktoren gelehrt worden war, es von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit her zu verstehen, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und die Ungerechten straft.

Ich aber, der ich fühlte, dass ich vor Gott ein Sünder mit unruhigem Gewissen sei, und nicht glauben konnte, dass ich durch meine Genugtuung versöhnt sei, (obgleich) ich wie immer ein untadeliger Mönch lebte, liebte den gerechten und die Sünder strafenden Gott nicht; ja, ich hasste ihn vielmehr und war unwillig gegen Gott, wenn nicht in unausgesprochener Lästerung, so doch mit mächtigem Murren, indem ich sagte: Als ob es wirklich nicht genug sei, dass die elenden und durch die Erbsünde ewiglich verdammten Sünder durch das Gesetz des Dekaloges mit jeder Art von Unheil bedrückt sind, wenn Gott nicht durch das Evangelium Leid an Leid füge und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhe. So raste ich mit meinem wütenden und verwirrten Gewissen, pochte aber dennoch ungestüm an dieser Stelle bei Paulus an, weil ich glühend danach dürstete, zu erfahren, was Sankt Paulus wolle.

Tag und Nacht dachte ich unablässig darüber nach, bis Gott sich meiner erbarmte und ich auf den Zusammenhang der Worte achtete, nämlich: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbar, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als die Gerechtigkeit zu verstehen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus dem Glauben, und begriff, dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, und zwar die passive, durch die uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus (seinem) Glauben. Da fühlte ich, dass ich ganz und gar neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war. Ununterbrochen zeigte mir nun die ganze Heilige Schrift ein anderes Gesicht. Ich durchlief die Schriften, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Wörtern einen entsprechenden Sinn; so bedeutet das Werk Gottes das Werk, das Gott in uns wirkt, Kraft Gottes die Kraft, durch die er uns kräftig macht, Weisheit Gottes die Weisheit, durch die er uns weise macht. (Ebenso ist es) mit Stärke Gottes, Heil Gottes und Herrlichkeit Gottes.

In dem gleichen Maße, in dem ich vorher das Wort Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, erhob ich mir nunmehr voller Liebe dieses allersüßeste Wort. So wurde mir diese Stelle des Paulus wahrlich zur Pforte des Paradieses. Danach las ich Augustins Schrift »Der Geist und der Buchstabe«, wo ich wider Erwarten fand, dass auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich auslegte (nämlich als die Gerechtigkeit), mit der uns Gott anzieht, während er uns rechtfertigt. Und obgleich dies noch unvollkommen gesagt war und zur Zurechnung (der Gerechtigkeit) nicht alles deutlich darlegte, gefiel es mir doch, dass die Gerechtigkeit Gottes gelehrt wurde, durch die wir gerechtfertigt werden.

Dr. Martin Luther, Vorrede zum 1. Bd der Gesamtausgabe seiner lateinischen Werke, Wittenberg 1545

 

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