Religion des Übersinnlichen

Religion des Übersinnlichen

Die »sanfte« Verschwörung des Wassermannes…

»Durch süße Worte und schöne Reden
verführen sie die Herzen der Arglosen« (Römer 16:18)

Die verführerischen Mechanismen, die es der Esoterik ermöglicht, Menschen an sich zu binden, ohne ihren Hunger nach Identität, nach Ruhe und Geborgenheit je stillen zu können: Sie sind immer weiter auf der Suche nach scheinbarer Wahrheit, die Sie scheinbar zum Teil schon erschlossen haben, aber Sie können nicht erkennen, dass halbe Wahrheiten ganze Lügen sind…

–> weitere Vorträge, PDF, Literatur und Links zur Thematik im Überblick
–> Gesamtüberblick  Vortrags-und Filmtips in der Mediathek

Esoterik: Die hermetische Religion des Übersinnlichen

»Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen,
nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren«  (2. Timotheus 4:3-5)

Wassermann: Der Wasserträger New Age: Neues Zeitalter des Wassermannes

Wassermann: Der Wasserträger
New Age: Neues Zeitalter des Wassermannes

Gegensätze bestimmen unsere alltägliche Wirklichkeit. Auf der einen Seite beobachten wir einen mehr und mehr um sich greifenden religiösen Indifferentismus, auf der anderen Seite eine Zunahme des religiösen Interesses und der religiösen Aktivitäten.

Einerseits scheinen der Atheismus und der Antitheismus das Feld zu beherrschen, andererseits gibt es eine wachsende Hinwendung zum Geheimnisvollen, zu dem, was unsere Erfahrungswirklichkeit übersteigt. Es begegnet uns heute so etwas wie ein neues Interesse für das, was diese unsere alltägliche Wirklichkeit übersteigt.

Das führt jedoch weniger dazu, dass man sich den etablierten Glaubensgemeinschaften zuwendet. Größere Anziehungskraft haben esoterische Zirkel, hat esoterisches Denken und Handeln. Esoterische Gedanken und Praktiken sowie esoterische Gruppierungen gewinnen heute mehr und mehr an Bedeutung.

Die Meditation, ungewohnte religiöse Übungen und der Okkultismus finden wachsenden Zuspruch. Gegenläufig zu einem um sich greifenden Rationalismus entfaltet sich ein unkritischer Irrationalismus, der sich allen möglichen Formen geheimer Weisheit zuwendet, der sich dem »rettenden Rezept« in die Arme wirft,  ganz gleich, wie phantastisch oder skurril es sich darstellt. Eine Überspitzung der Vernunft und ein absolutes Vertrauen auf die Naturwissenschaften und die Technik stehen in einer unüberbrückbaren Spannung zu einem ebenso absoluten Vertrauen auf die Innenschau, die Spekulation und die subjektive Intuition, losgelöst von aller Wirklichkeit. Nicht selten begegnet uns diese Gegensätzlichkeit in ein und derselben Person.

Seit gut etwa zwei Jahrzehnten verbreiten sich in der westlichen Welt Heilslehren, Versenkungspraktiken und Geheimwissenschaften, die man schon lange für überwunden gehalten hatte, erhalten Zauberei und magische Praktiken einer vergangenen Epoche überraschende Aktualität. Man sucht Erleuchtung und Innerlichkeit, man hält Ausschau nach Bewusstseinserweiterung, das heißt »Veränderung des allgemeinen Wahrnehmungsbezugsrahmens«, wodurch angeblich zuvor nicht beachtete oder zuvor unbewusste Inhalte erkannt werden, und erhofft davon eine Steigerung des Menschseins. Wer tiefer schaut, erkennt darin das vielfach angesprochene Unbehagen, das uns erfüllt angesichts der technischen Rationalität und der industriellen Zivilisation, die unser Leben beherrschen.

Oswald Spengler (+ 1936) spricht in seinem Buch »Der Untergang des Abendlandes« von einer »zweiten Religiosität«, die in Zivilisationen immer dann auftritt, wenn sie ihre Blütezeit überschritten haben und in den Zustand geschichtsloser Dämmerung eintreten. Diese zweite Religiosität ist allerdings eine wenig geordnete, sie ist vage und baut rein auf dem subjektiven Erleben auf. Sie ist bestimmt von den verschiedenen Formen der Esoterik, wie sie sich in den Jahrhunderten entfaltet hat.

Man kann sie daher als die Religion des Übersinnlichen bezeichnen. Vieles spricht dafür, dass sie ein Abfallprodukt unserer sterbenden Kultur ist. Immerhin erkennen wir darin die Unfähigkeit des Menschen, auf die Dauer ohne religiösen Bezug zu leben. »Anima naturaliter christiana«, »die Seele ist natürlicherweise auf das Christentum ausgerichtet«, so sagten die Kirchenväter. Damit meinten sie die Ausrichtung des Menschen auf die Religion allgemein.

Die Säkularisierung des modernen Lebens hat ein religiöses Vakuum hinterlassen, das auf die Dauer nicht zu ertragen ist. Das Alte und das Neue Testament erinnern uns daran, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt (5.Mose 8:3; Matthäus 4:4). Er bedarf der Tiefendimension der Wirklichkeit. Wo der Glaube vertrieben wird, da nistet sich der Aberglaube ein. In kritischen Zeiten tritt an die Stelle der Religion die Parareligion, das religiöse Surrogat. Es ist verhängnisvoll, wenn die Offenbarung Gottes, wie sie »der Kirche« anvertraut ist, nicht mehr die Kraft hat, dem Menschen überzeugende Antworten zu geben auf seine tiefsten Fragen.

Der Exponent der Esoterik ist seit einigen Jahrzehnten, seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, das New Age. Dieses artikuliert sich in der »sanften Verschwörung des Wassermannes«, die überall latent am Werk ist. Von ihr sind im Grunde die intellektuellen wie auch die moralischen Probleme der Kirchen und des Christentums gesteuert, wenn nicht gar verursacht.

In der dominanten Universitätstheologie finden sich heute nicht wenige gnostische Elemente. Speziell auch in einem unbiblischen Heilsoptimismus, der auf die Rettung aller geht und die Heilsfrage, gegenstandslos macht. Besonders deutlich wird das bei dem Theologen Hans Küng. In besonders signifikanter Weise dient er dem Programm des New Age mit der Einebnung des Christentums in einer Art von Welteinheitsreligion unter dem Stichwort »Weltethos«.

In der Gnosis oder in der Esoterik – die Gnosis ist eine spezifische Gestalt der Esoterik – tritt die Konstruktion des menschlichen Geistes an die Stelle der Annahme der verpflichtenden Offenbarung, womit dann die Theologie im Grunde genommen zur Philosophie wird, aber zu einer extrem subjektivistischen. Es ist kennzeichnend für die Gnosis, dass sie die übernatürliche Offenbarung aus der Vernunft ableitet und von daher zu einem menschlichen Konstrukt depotenziert.

Damit verbindet sich die Wertschätzung der fernöstlichen Meditation und des synthetischen Denkens. Man sympathisiert mit der Psychologie und der Parapsychologie, mit einer stark gnostisch gefärbten feministischen Theologie, mit der Seelenwanderung, mit dem Spiritismus und mit der Astrologie. Selbst der Gedanke der Selbsterlösung findet wachsende Akzeptanz im Leben von Christen. [1]

Geheimes Wissen und erlebte Religiosität

»… nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren. Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht«  (Galater 1:7-8)

The Golden Table des Aufrichtigen Hermogenes Apocalypsis Leipzig, 1739

The Golden Table des Aufrichtigen Hermogenes Apocalypsis Leipzig, 1739

Die Esoterik überschreitet die Alltagswelt. Sie bietet vermeintlich eine umfassende Lebensdeutung und Lebenspraxis vom Übersinnlichen her. Sie befriedigt die Sehnsucht des Menschen nach Erkenntnis und vermittelt Kontakt mit dem Übersinnlichen.

Sie ist geheimes Wissen und geheimes Tun. Geheim ist sie im Sinne des Außergewöhnlichen, des Exzentrischen, und der Abschirmung, der Geheimhaltung. Träger esoterischen Wissens und esoterischer Praxis sind seit eh und je kleine Gruppen, die sich mehr oder weniger nach außen hin abschließen.

Die Geheimhaltungsdisziplin und die elitäre Grundhaltung der Esoterik gelten allerdings nur in weltanschaulich geschlossenen, nicht in pluralistischen Gesellschaften. In pluralistischen Gesellschaften geht die Esoterik in die Öffentlichkeit, wie das in Ansätzen bereits in der Anthroposophie, die am Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist, erkennbar wird, vollends aber im New Age. In solchen Formen der Esoterik bezieht sich dann das Geheime nur noch auf die Exzentrizität des Wissens und des Tuns.

Esoterik und Okkultismus

Das geheime Tun der Esoterik besteht in okkulten Praktiken. Deshalb denken Außenstehende bei dem Begriff »Esoterik« nicht zu Unrecht vielfach spontan an Okkultismus, das heißt: an Magie, Orakelwesen, Astrologie, Alchemie, Spiritismus, Geistheilung und Satanskult. In der Tat spielt im Leben der bedeutenden Esoteriker der Okkultismus eine große Rolle. Das gilt für Madame Blavatsky (+ 1891) nicht weniger als für Rudolf Steiner (+ 1925), Franz Anton Messmer (+ 1815) und Paracelsus (+ 1541).

Durch die okkulten Praktiken will man zur Geisterkenntnis kommen, zum Wissen vom inneren Menschen, zur »Geisteswissenschaft«. Man geht davon aus, dass der Mensch mit der unsichtbaren Geisterwelt in Verbindung treten und ihre Macht in Dienst nehmen kann. Gerade der Okkultismus macht die Esoterik heute für viele faszinierend, trotz Aufklärung und Rationalismus. Es ist nicht zu übersehen, dass die okkulten Praktiken sich ausbreiten, besonders bei Jugendlichen.

Die Motive für die Hinwendung zum Okkultismus sind die Neugier, der soziale Druck, die Identitätssuche, physische und seelische Krankheiten, die Frage nach einem über den Tod hinausreichenden Leben und die mangelhafte religiöse Erziehung. Zuweilen beginnt die Begegnung mit dem Okkultismus auch einfach mit der Erwartungshaltung »vielleicht ist doch etwas daran?« oder »warum sollte nicht etwas daran sein?«. Nicht zuletzt sind es die Medien, die die Okkultbedürfnisse mobilisieren und eine stimulierende Wirkung ausüben.

Der Okkultismus fasziniert nicht nur junge Menschen, sondern auch ältere. In der Welt der Erwachsenen scheint er weniger im Spiritismus zu bestehen als in der Hinwendung zu magischen Praktiken im Dienst der Lebenssicherung und der Heilung von Krankheiten und der Hinwendung zur Astrologie.

Man will der banalen Alltagswelt entfliehen und eine entzauberte Welt wieder verzaubern, man sucht Hilfe in den Nöten des Alltags. Gefördert wird das Vertrauen zum Okkultismus durch wirtschaftliche und politische Unsicherheit, vor allem aber durch Überdruss an der nüchternen rational-technischen Umgebung und an der rationalistischen Kritik an allem und jedem. Vom Rationalismus der Totalkritik ist der Weg nicht weit zum Irrationalismus der Esoterik. Die Extreme liegen auch hier nahe beieinander. Der Mensch kann sich vom gesunden Hausverstand abwenden, und gerade heute neigt er dazu. Letztlich ist es der Verfall der Religion, wovon der Okkultismus profitiert, jedenfalls in der westlichen Welt. An die Stelle des geschwächten oder verlorenen Glaubens tritt der Aberglaube.

Die okkulten Phänomene sind als solche, sofern nicht Betrug oder Selbsttäuschung vorliegen, durchaus ernst zu nehmen, fragwürdig ist jedoch ihre Deutung. Faktisch gehören sie dem natürlichen Bereich an, von Ausnahmen abgesehen. Es handelt sich dabei um die Aktivierung außergewöhnlicher psychischer Fähigkeiten oder um paranormale oder parapsychologische Gegebenheiten, die zwar unser physikalisches Weltbild sprengen, aber dennoch der naturalen Wirklichkeit angehören. Durch die okkulten Praktiken verliert der Mensch vor allem den Sinn für die Wirklichkeit. [1]

Erlebte Religiosität

Im geheimen Wissen und im geheimen Tun der Esoterik findet der moderne Mensch angesichts des Verfalls des Christentums eine Ersatzreligion, einen Religionsersatz. Wenn die Kirchen und das Christentum nicht mehr in der Lage sind, die »Sehnsucht nach dem ganz Anderen« in rechter Weise aufzugreifen, echte »Glaubenserfahrung« zu vermitteln und die Fragwürdigkeit esoterischer Erfahrung aufzuzeigen, so laufen ihnen die Gläubigen davon.

Das Irrationale ist attraktiv. Davon profitiert die Esoterik. Davon profitieren aber auch die neuen Sekten und die Jugendreligionen, die man im weiteren Sinne der Esoterik zurechnen kann. Was die Menschen in diese Gemeinschaften führt, das ist die Erfahrung der inneren Leere, bedingt durch den Wohlstand und durch das religiöse Vakuum, sowie die fehlende innere Motivation zum Leben und zum Arbeiten. Dieses Phänomen ist in letzter Zeit so sehr hervorgetreten, dass sich auch die Psychologie in verstärktem Maß mit ihm beschäftigt.

Von der Hinwendung des modernen Menschen zum Irrationalen profitieren auch die verschiedensten Formen der Esoterik, wie sie geschichtlich geworden sind. Einen Vorposten nimmt dabei das New Age ein, das so etwas wie eine gemeinsame Klammer der verschiedenen Ausprägungen esoterischen Denkens ist. Wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vielfach der Ruf laut, es gebe für uns keine Zukunft mehr (»no future«), so tritt Jahre später an seine Stelle das New Age mit seinem betonten Optimismus.

Wege zum Menschen

In zahllosen Büchern wird das esoterische Gedankengut heute mit großem Erfolg publik gemacht. Nichts verkauft sich gegenwärtig besser in den Buchhandlungen als Literatur über Esoterik. Die zahlreichen Publikationen auf dem Büchermarkt propagieren das esoterische Gedankengut in einem oft unterschätzten Ausmaß.

Auch im Bereich der Schallplatten und der Tonbänder bzw. mehr und mehr der Disketten begegnet uns das Thema der Esoterik in wachsendem Maß. Esoterische Themen finden aber auch an Volkshochschulen und in Seminaren, die von den verschiedensten Institutionen angeboten werden, immer mehr Zuspruch. In allen größeren Städten werden heute in regelmäßigen Abständen so genannten Esoterik-Messen veranstaltet, die sich steigender Besucherzahlen erfreuen.

Esoterik als geheimes Wissen

»Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!
Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!«
(Jesaja 5:20-21)

Ägyptische Mythologie: Thoth (Tehut) gleichgesetzt mit Anubis und Sem

Ägyptische Mythologie: Thoth (Tehut)
gleichgesetzt mit Anubis und Sem

Das Wort »Esoterik« findet sich in den einschlägigen Lexika, zumindest in ausführlicher Würdigung, erst in neuester Zeit. Das ist kennzeichnend.

Häufig identifiziert man die Esoterik mit der Mystik. Unter Mystik versteht man im Allgemeinen das Gott-Erleben, die affektive Dimension der Religion, die »praktische Gotteserkenntnis«, womit sich oft außerordentliche Phänomene verbinden, die zum Teil eine gewisse Ähnlichkeit mit den Okkultphänomenen haben.

Mystik gibt es in den meisten Religionen, vor allem in den Hochreligionen, wenngleich nicht alles, was uns hier als Mystik begegnet, als echt bezeichnet werden kann. Um die unechte Mystik von der echten zu scheiden, haben wir im Deutschen den Begriff des Mystizismus. Mystizismus ist falsche Mystik. Die englische Sprache hat nur das eine Wort »mysticism« für Mystik und Mystizismus, das zunächst wertfrei ist, aber gleichwohl bis vor kurzem noch allgemein einen negativen Beigeschmack hatte.

Allgemein wurde die Mystik noch vor nicht langer Zeit negativ gewertet. Das hat sich geändert. Heute wird selbst der Mystizismus positiv gewertet. Mit der Aufwertung der Esoterik wurde auch die Mystik aufgewertet.

Die Esoterik wird recht verschiedenartig definiert. Man versteht sie als das Traumhafte und Phantastische, als intuitive Erkenntnis der menschlichen Tiefenseele, als Urwissen und Weisheit der Völker, als geheimes Wissen für Einzelne oder für alle, als Zauberei und Alchemie, als Magie und Okkultpraktiken. Man verwendet das Adjektiv esoterisch für seltsam, kurios, alternativ, grün, versponnen oder einfach für charismatisch im Gegensatz zu institutionell.

Man spricht von esoterischem Christentum oder bezeichnet die gesamte christliche Mystik oder das authentische Christentum als esoterisch oder versteht Esoterik als die gemeinsame Urwahrheit aller Religionen und macht sie zu einer Art Superreligion. Dabei zieht man sich auf ein unbestimmtes religiöses Gefühl zurück oder einfach auf das Hinauslangen des Menschen über sich selbst, auf seine Hinwendung zur Tiefe des Seins, zu dem, »was ihn unbedingt angeht« (Paul Tillich).

Es lässt sich nicht leugnen, von all dem ist etwas in dem vorhanden, was wir mit dem umfassenden Begriff »Esoterik« bezeichnen. Aber damit ist noch nicht die Mitte dessen erreicht, was hier gemeint ist. [1]

Der Blick nach innen

»und das Licht der Lampe soll nicht mehr in dir leuchten, und die Stimme des Bräutigams und der Braut soll nicht mehr in dir gehört werden.
Denn deine Kaufleute waren Fürsten auf Erden,
und durch deine Zauberei sind verführt worden alle Völker«
(Offenbarung 18:23)

Dem Begriff »Esoterik« liegt das griechische »eiso« oder »eso« zugrunde, was soviel bedeutet wie »innerlich«, »drinnen«, »nach innen zu«. Eine übertragene Bedeutung ist dann »geheim«, »verborgen«. Von »eíso« oder »éso« sind die Worte abgeleitet »esóteros« und »esoterikós«, womit die Steigerungsform angesprochen ist, der Komparativ. Gemeint ist also in der Esoterik das »Innerlichere«, das, was ganz tief drinnen, im tiefsten Innern der Dinge und des Menschen seinen Ort hat.

Die Esoterik richtet demnach den Blick auf den Innenaspekt, der verborgen ist und sich der äußeren Betrachtung entzieht. Der Esoterik geht es um die Innerlichkeit, nicht im psychologisch-subjektiven Sinn, sondern in einem sachlich objektiven, jedenfalls dem Anspruch nach. Gemeint ist hier nicht ein Raum hinter der Wirklichkeit, erst recht nicht das Transzendente im Sinne des Jenseitigen als des ganz Anderen – das gibt es im Grunde genommen nicht für die Esoterik – sondern die Tiefe der Wirklichkeit, jene Dimension, die alle Wirklichkeit erst Wirklichkeit sein lässt.

Die Esoterik ist nach innen gerichtet und stellt sich damit in Gegensatz zur Exoterik, die nach außen gerichtet ist. Sie bezeichnet alles, was nicht esoterisch ist, als exoterisch, und zwar mit einem negativen Akzent.

Das Innerliche, womit sich die Esoterik befasst, wird nicht durch die Beschäftigung mit der Wirklichkeit und auch nicht durch nüchterne Information vermittelt, sondern durch Einweihung und Überlieferung. Im Grunde ist es jedoch das Ergebnis luftiger Spekulation. Ist die Esoterik sozialisiert, so erfolgt die Einweihung in sie in der Form der Initiation.

Die Esoterik versteht sich als Geheimwissenschaft. Als solche ersetzt sie den Glauben durch das Wissen und die Offenbarung durch die Gnosis. Sie will das wahre Wesen der Dinge, der Welt und des Menschen mit Hilfe der Spekulation ergründen. Geheim ist dieses Wissen zunächst hinsichtlich seiner Entstehung, dann aber auch, sofern es außergewöhnlich und exzentrisch ist und oft geheim gehalten wird, jedenfalls soweit man in einer homogenen Gesellschaft lebt.

Das geheime Wissen aber führt zum geheimen Tun, und das geheime Tun ist teilweise wiederum das Medium des geheimen Wissens. Mit dem geheimen Wissen und dem geheimen Tun verbindet sich also der Gedanke der Innenschau, worin man die letzte Wirklichkeit der Dinge erkennen und über sie verfügen will. Die Esoterik erhebt den Anspruch, die wahre Natur der äußeren Erscheinungswelt zu ergründen, die dahinter liegenden Bewusstseinsebenen zu erweitern, unter die Oberfläche zu schauen und den Menschen zur Sinnfindung und Selbstvervollkommnung zu führen. [1]

Esoterik ist Hermetik

»dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt« (5. Mose 18:10)

Mosaik-Bodenbild am Eingang des Doms von Siena: Hermes Trismegistos (Mitte) mit den Personifikationen von Orient (links) und Okzident (ganz links)

Mosaik-Bodenbild am Eingang des Doms von Siena: Hermes Trismegistos (Mitte) mit den Personifikationen von Orient (links) und Okzident (ganz links).
Der Text der Tafel am unteren Bildrand lautet: Hermes Mercurius Trismegistus. Zeitgenosse von Moses. Die Tafel, auf die Hermes Trismegistus seine Hand stützt, enthält ein Zitat aus dem Asklepius (I,8). Der Text des überreichten Buches lautet in Anlehnung an Ciceros De natura deorum III,56: Empfanget Schrift und Gesetz, o Ägypter!

Ein anderes Wort für Esoterik ist Hermetik. Der Begriff der Hermetik nimmt Bezug auf den Mythos des Hermes Trismegistos, dem sich die Esoterik seit eh und je in besonderer Weise verpflichtet fühlt. Dieser Mythos führt uns zurück in die altägyptische Mythologie, die in esoterischen Kreisen als ein unübertroffenes Ideal esoterischen Wissens gilt.

In allen Formen der Esoterik spielen Hermes Trismegistos und die ihm zugeschriebene Literatur eine bedeutende Rolle. Hermes Trismegistos ist die griechische Bezeichnung für den ägyptischen Gott Thot. Bei den Römern heißt er Merkur, bei den Germanen Wotan, bei den Kelten Lug. In der Vorstellung der Ägypter und der Griechen war er halb Gott und halb Mensch. [2]

Thot gilt bei den Ägyptern als der Schreiber der Götter, als der Gott der Weisheit, als der Erfinder der Schrift, der Hieroglyphen, als der Gott der Zahl und der Musik und als der Begründer der Sternkunde, der die Zeit gemessen, den Kalender geschaffen und die Messsysteme aufgestellt hat. Man schreibt ihm eine Reihe von »heiligen« Büchern zu, in denen Geheimwissen über Gott, die Welt und den Menschen enthalten ist, Bücher, die in Wirklichkeit auf das 2. und 3. nachchristliche Jahrhundert zurückgehen, bei denen es sich jedoch möglicherweise, jedenfalls zum Teil, um Übersetzungen ägyptischer Texte aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrhundert handelt.

An den Gott Thot knüpft auch eine Reihe von griechischen Schriften astrologischen, magischen und philosophischen Inhalts an, die dem 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert angehören. Zumeist geben sie sich als Dialog zwischen Hermes und einem Schüler. In griechischer Sprache ist uns ein so genanntes Corpus Hermeticum überliefert, das aus 18 Traktaten besteht, von denen der erste und zugleich bekannteste der Traktat »Poimandres« ist, eine Kosmogonie, eine Anthropologie und eine Eschatologie in der Form einer Vision und einer Audition.

Ein weiterer Traktat dieser Sammlung ist der »Asklepios«, der dem Kirchenlehrer Augustinus (+ 430) in einer lateinischen Übersetzung vorgelegen hat. Es handelt sich dabei um ein Gemisch von stoischen, platonischen und aristotelischen Formeln, wie das für die Spätantike charakteristisch ist, die durch die Gottnähe des Künders, des Hermes Trismegistos, eine besondere Aufwertung erfahren.

In der griechischen Mythologie ist Hermes der Sohn des Göttervaters Zeus, des urgöttlichen Prinzips, und einer Tochter des Riesen Atlas, der das Universum auf seinen Schultern trägt. Als göttlich und menschlich zugleich verbindet er das Oben und Unten, den Himmel und die Erde. Er wird aber auch als der Götterbote angesehen und als der Hüter des Schlafes, des Traumes und des Todes, also der wichtigsten Kontaktstellen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Das heißt: er bringt den Schlaf und die Träume, in denen Zeus den Menschen seine Botschaften zukommen lässt, und ist der Begleiter der Toten in die jenseitige Welt (Stichwort: Todeskult).

Mit seinen geflügelten Füßen durchzieht er die Welt, um überall den Willen der Götter zu verkünden und gegebenenfalls zu vollstrecken. Darüber hinaus sieht man in ihm den Hirtengott, der die Fruchtbarkeit der Herden segnet und sie zusammenhält, der sich um die »verlorenen Schafe« kümmert und sie wieder zurückträgt und der denen, die unterwegs sind, den rechten Weg weist, weshalb sein Bild in alter Zeit oft an Wegkreuzungen stand und als Wegweiser diente. Endlich wird er als der Gott der Heiler, als der Herr der Heilpflanzen und als der große Zauberer verehrt. [1]

Die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos

»Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der zuvor in der Stadt Zauberei trieb und das Volk von Samaria in seinen Bann zog, weil er vorgab, er wäre etwas Großes« (Apostelgeschichte 8:9)

Tabula Smaragdina (lat. für smaragdene Tafel) Niederländische Übersetzung, 1657

Tabula Smaragdina
(lat. für smaragdene Tafel)
Niederländische Übersetzung, 1657

 

Auf Hermes Trismegistos führt die Esoterik die Smaragdene Tafel zurück, die noch heute als Grundtext der abendländischen Esoterik gilt.
Der Legende nach hat Alexander der Große (+ 323 v. Chr.) sie nach der Eroberung des ägyptischen Reiches in der Grabkammer des Hermes Trismegistos gefunden, dort, wo heute die Stadt Alexandria steht.

Auf der Smaragdenen Tafel sind nach esoterischer Überlieferung die Grundgesetze des Kosmos eingraviert, 12 Grundaussagen, die formal wie inhaltlich sehr fremdartig und unverständlich sind und daher einer Erklärung bedürfen.

 

 

 

In esoterischer Interpretation gestaltet man daraus 4 Grundprinzipien, die sich folgendermaßen darstellen:

  • 1. Wie oben so unten
  • 2. Polarität der Welt und aller Kräfte in der Welt
  • 3. Steuerung und Synthese dieses Kraftflusses
  • 4. Der Kreislauf des Kosmos: Innerer Zusammenhalt des Weltalls

1. Was immer auf der oberen Ebene geschieht, hat seine Entsprechung in den unteren Ebenen (»wie oben, so unten«). Anmerkung: Dies ist auch die Grundlage für die Abbildung der oberen Ebene (die Himmel) in Form von Bauwerken auf der der Erde (als untere Ebene) in antiken Kulturen (Pyramiden, Tempel, Mysterienstätten, etc.).

2. Alles in der Welt ist polar, das heißt: Alles, was ist, besteht in zwei Ausgaben oder Polen, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, wie etwa männlich-weiblich, positiv-negativ, hell-dunkel, oben-unten, sichtbar-unsichtbar, usw. (Stichwort: Magnetische und Elektrische Kraft der Natur. Natürlicher Magnetismus und natürliche Elektrizität die aller Materie eigen sind)

3. Zwischen diesen zwei Polen, die mit einem unterschiedlichen Spannungsverhältnis ausgestattet sind, herrscht ein gegenseitiger Kraftfluss, der ein Neues, ein Drittes entstehen lässt, das mit den beiden Polen eine Einheit bildet, und seinerseits wieder zu einem neuen Spannungspol wird (Stichwort: Magnetismus und Energetik).

4. Das entscheidende Gesetz des Kosmos ist der Kreislauf. Das heißt: Alles im Kosmos läuft zyklisch und rhythmisch ab und untersteht dem Gesetz der Balance und der Ausgewogenheit in Analogie zum Herzschlag und zur Atmung des Menschen und bewirkt so den inneren Zusammenhalt des Weltalls (Stichwort: Rad des Schicksals, also das Sonnenrad; Todeskultus).

Wiederholt finden wir bei den Kirchenvätern (der katholischen Kirche) einen Hinweis auf hermetische Lehren zur Bestätigung christlicher Wahrheiten. Daran erinnern Esoteriker gern. Mit Nachdruck  machen sie auch darauf aufmerksam, dass Parallelen zwischen Hermes und der Gestalt Christi bestehen und dass in der Schrift »Der Hirt des Hermas«, einer Schrift, die um die Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden ist und in der alten Christenheit eine große Rolle gespielt hat, der Offenbarungsengel als Hirt auftritt. Sie verkennen dabei jedoch die fundamentalen Unterschiede zwischen den Lehren der Esoterik und dem christlichen Gedankengut in alter Zeit.

Hermetische Gedanken haben auch auf die arabische Philosophie eingewirkt, die sie dann wiederum an das lateinische Abendland weitergegeben hat. Spuren davon finden wir immer wieder im Mittelalter, vor allem bei Petrus Abaelard (+ 1142) und Albertus Magnus (+ 1280).

In der esoterischen Literatur werden die Juden nicht nur als die Väter des Christentums verstanden, sondern auch als die Hüter der alten esoterischen oder hermetischen Tradition der Ägypter (die jüdische Kabbalah ist das magische System der Juden, Zauberei die Gott verboten hat), der altägyptischen Weisheit, die sie angeblich an das Christentum weitergegeben haben, das deshalb, wie man sagt, esoterisch interpretiert werden muss, wenn man es nicht verfälschen will.

Wenn sich die Esoterik als Hermetik versteht, so bringt sie damit den Anspruch zum Ausdruck, göttlich legitimiert zu sein, dem obersten göttlich-kosmischen Prinzip zu entspringen und die Verbindung zwischen oben und unten definitiv und authentisch herzustellen [1]

Konstruktion der Wirklichkeit

»Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt«
(1. Johannes 4:1-3)

Dom von Siena, Toskana

Dom von Siena, Toskana

An die Stelle des Glaubens tritt in der Esoterik das Wissen. Das entscheidende Medium des Wissens ist die Vernunft, so sagt man. Diese wird jedoch nicht als ein Organ verstanden, das die Wirklichkeit vernimmt, wie es das Wort nahelegt, das offen ist für die vorgegebenen Ordnungen und die Gesetze des Seins, mit ihr spekuliert man vielmehr unabhängig von der Wirklichkeit und bindet sich an Kriterien, die man selbst gesetzt hat und die zutiefst subjektiv sind.

Mit der Vernunft lauscht man nicht auf die Stimme des Seienden in der Erfahrung, sondern interpretiert in das Seiende hinein, was dem eigenen System entspricht. Die Erkenntnis erfolgt hier nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Die Wirklichkeit wird nicht abgebildet oder nachgebildet, sondern konstruiert (Stichwort: Die Gedanken erschaffen die Realität).

Es ist allen esoterischen Gruppierungen gemeinsam, dass sie sich auf die Wissenschaft berufen, dass sie den Anspruch erheben, Erkenntnis zu vermitteln (Nicht zuletzt aufgrund ihrer persönlichen praktischen Erfahrungen auf diesem Gebiet). Was sie als Wissenschaft und Erkenntnis bezeichnen, ist jedoch nichts anderes als Spekulation und Konstruktion. Es ist bezeichnend, dass die Esoteriker eine Überprüfung oder Rechtfertigung ihrer grundlegenden Behauptungen stets kategorisch ablehnen und sich einer rationalen Auseinandersetzung grundsätzlich widersetzen. Der Anspruch ist rational, die Wirklichkeit hingegen irrational.

Auf eine Verifizierung der Lehren an den Gegebenheiten oder an der Wirklichkeit verzichtet man von vornherein. Das hält man für überflüssig, da man davon ausgeht, dass man ein höheres Wissen hat, evident für den, der eingeweiht ist (wieder bezogen auf die persönlichen praktischen Erfahrungen). Die Esoterik tritt stets mit dem Anspruch der Wissenschaft auf, wird ihm jedoch in keiner Weise gerecht. Damit sie aber um dieses Mangels willen nicht in Frage gestellt wird, betrachtet sie wiederum die seriöse Wissenschaft als suspekt.

Die Esoterik ist nicht gegen das Denken, wohl aber gegen die nüchterne Beobachtung, die Abstraktion und die Logik. An die Stelle der Einsicht in die Naturgesetze, der Erkenntnis der Wirklichkeit und der Logik treten hier die geheime Weisheit, das Grenzenlose und die unendliche Interpretation. Das Denken nimmt seinen Ausgang nicht bei den äußeren Objekten, sondern beim Subjekt, und fühlt sich auch nicht den Gesetzen der inneren Logik verpflichtet.

Der Esoteriker spekuliert nach innen. Er verachtet die äußere Beobachtung und die logische Argumentation (mit Blick auf die praktische Unerfahrenheit des Argumentierers auf diesem speziellen Gebiet). Oft reduziert sich seine Argumentation darauf, dass er an die Defizienz unseres Wissens und unserer Erkenntnisse erinnert oder einfach fragt, warum es nicht so sein sollte, da doch (nach der eigenen praktischen Erfahrung des Esoterikers) alles möglich sei.

Die Argumentationsfigur: Warum nicht?, die hier eine große Rolle spielt, ist heute auch über den Rahmen der Esoterik hinaus sehr verbreitet und für viele überzeugend, objektiv betrachtet ist sie jedoch völlig unbrauchbar. Der Esoteriker verhält sich im Grunde extrem irrational und subjektivistisch zur Wirklichkeit. Die Rationalität reduziert sich bei ihm auf den Anspruch der Rationalität, der immer wieder mit Nachdruck erhoben wird, dem man in der Praxis hingegen in keiner Weise gerecht wird. [3]

In der Esoterik dominiert das Gefühl, das sich zuweilen zur Schwärmerei, ja, zur Hysterie steigert und geradezu phantastische Vorstellungen hervorbringt. Wenn so in der Esoterik stets Gefühle, Empfindungen und Erfahrungen im Vordergrund stehen, so empfiehlt sie sich allerdings gerade damit dem modernen Menschen.

Die esoterische Deutung der Welt und des Menschen ist subjektivistisch und irrational, so sehr sie den Anspruch der Objektivität und der Rationalität erhebt. Sie scheint darüber hinaus einen konsequenten Relativismus zu begünstigen, ist jedoch de facto eher unduldsam, wie sich noch zeigen wird. [1]

Erleuchtung und Bewusstseinsänderung

»Er aber sprach: Seht zu, lasst euch nicht verführen. Denn viele werden kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin’s, und:
Die Zeit ist herbeigekommen. – Folgt ihnen nicht nach!« (Lukas 21:8)

Erleuchtung und Bewusstseinsänderung: Der Blick nach innen

Erleuchtung und Bewusstseinsänderung:
Der Blick nach innen

Das esoterische Wissen legitimiert sich als natürliches Erkennen. Es will nicht die Antwort des Glaubens auf eine Offenbarung sein oder das Ergebnis des gehorsamen Hörens auf die Selbsterschließung Gottes, obwohl die göttliche Legitimierung der Spekulation nicht unbekannt ist. In der Esoterik gibt es keine geschichtliche Offenbarung des Geheimnisses, sondern nur Entschleierung und Eroberung des Unbegreiflichen. Die Erkenntnis ist hier das Ergebnis des eigenen Bemühens oder der Einweihung in das, was bedeutende Esoteriker »erkannt« (und vor allem erfahren) haben.

Dabei erhebt die Esoterik den Anspruch, das Wissen von Gott und der jenseitigen oder der geistigen Welt durch Schauen zu erlangen, Gott und die jenseitige Welt unmittelbar erkenntnismäßig zu durchdringen, und das mit den natürlichen Erkenntniskräften, sei es, dass sie angeboren sind, sei es, dass sie erlernt sind. Man geht davon aus, dass der Mensch einen direkten Zugang zum Göttlichen hat, und zwar durch Erleuchtung oder durch Erkenntnis.

Gott ist in diesem Denken nicht transzendent, er ist ein Teil dieser Welt. Eine übernatürliche Ordnung gibt es hier überhaupt nicht, es gibt hier nur eine  einzige Wirklichkeit, die eine naturale Wirklichkeit, ein einziges Seinsprinzip der Welt. Die »andere Realität« ist nur eine »andersdimensionale Diesseitigkeit«, »eine in eine hypothetische andere Dimension verlagerte Diesseitigkeit«. – Man darf nicht übersehen, dass diese Weltsicht auch außerhalb der Esoterik Geschichte gemacht hat. In weiten Teilen stellt sich die Theologie heute bei kritischer Betrachtung als monistisch dar.

An die Stelle der Positivität der Offenbarung tritt in der Esoterik die Spekulation, an die Stelle der Offenbarungsgeschichte das subjektive Denken und Erkennen des Menschen (und vor allem seine persönlichen praktischen Erfahrungen dabei). Demgemäß lautet der entscheidende Imperativ für den Esoteriker nicht »Kehret um, das Reich Gottes ist nahe« , wie ihn das Christentum seit eh und je verkündet hat, sondern »Lasst euch erleuchten«.

Durch die Erleuchtung will der Esoteriker zu einer Art von geistlicher Wissenschaft, zu einer »spirituellen Psychosynthese« gelangen. Die Voraussetzung für die Erleuchtung ist dabei die Änderung des Bewusstseins. Das Heil ist dann nicht mehr Gnade, sondern menschliche Leistung und das wiederum nicht einmal als ethische Tat, sondern als Erkenntnis. [1]

Ideologisches Denken

Damit wird die Esoterik, die sich als Erkenntnisweg artikuliert, schlichtweg zur Ideologie. Der Ideologe passt sich nicht der Wirklichkeit an, vielmehr passt er die Wirklichkeit dem eigenen Denken an. Er orientiert sein Denken nicht an der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit an seinem Denken. Das macht das Gespräch oder die Auseinandersetzung mit ihm extrem schwierig.

Die Ideologien hat man nicht zu Unrecht als die Großmächte unserer Zeit bezeichnet. Auf der einen Seite schlagen sie die Massen in Bann, auf der anderen Seite sind sie die eigentlichen Triebkräfte elitärer Minderheiten. Sie verheißen Zukunft, verändern das Bewusstsein, bestimmen, was gut und böse ist, und bemächtigen sich aller Lebensbereiche. Stets berufen sie sich auf die Wissenschaft und behaupten, Wissenschaft zu sein, wohl deshalb, weil sie im Grunde wissen, dass die Vernunft das entscheidende Kriterium der Wahrheit ist, dass die Wissenschaft, die rationale Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaft, daher die maßgebliche Instanz ist (zumindest soweit sie bei ihren tatsächlichen Grundlagen bleibt) und für die allermeisten Menschen – das letzte Wort hat. (Anmerkung: Leider ist heute auch die Wissenschaft nicht mehr frei von Ideologien, vielmehr ist sie inzwischen oft selbst Opfer, allerdings ganz anderer Ideologien als der hier besprochenen: Der neue Atehismus, Evolution als Dogma, Lügen in den Schulbüchern, Heil durch Psychologie, Blinde Flecken der Ökonomie, uvm.).

Die Ideologien sind hartnäckig, weil sie im Grunde genommen stets ein Religionsersatz sind, profanierte Formen von Religion. Sie trösten den Menschen mit Trugbildern. Sie bieten ihm Ersatzlösungen für verweigerte Antworten, die sich nicht an der Wirklichkeit messen. Sie geben ihm Antworten, die in nicht wenigen Fällen die Kirche und das Christentum zu geben versäumt haben, möglicherweise schuldhaft, weil sie sich bestimmten Zeittrends verschrieben haben, statt nüchtern ihren Auftrag wahrzunehmen und die Ersatzlösungen als solche zu entlarven, weil sie ihre Verkündigung mit dem Blick auf die Adressaten und ihre vermeintlichen oder wirklichen Erwartungen zurechtgestutzt haben oder weil sie einfach der Attraktivität der gängigen Ideologien verfallen sind.

Die Ideologien wirken wie Drogen, von denen man sich nur unter Aufwendung großer Kraft losreißen kann, und das auch nur dann, wenn man Besseres an ihre Stelle zu setzen weiß und bereit und auch stark genug ist, sich von den Illusionen abzuwenden, die Realität zu ertragen, mit der ungeschminkten, schlichten und undramatischen Wahrheit zu leben. Aber das ist nun einmal sehr anstrengend.

Die Ideologie kann sich des Menschen bemächtigen, weil er in der Lage ist, an einem bestimmten Punkt mit dem Denken aufzuhören, sich auf der Suche nach einem lebenswerten Leben in eine große Lüge einsperren zu lassen. Das ist nicht eine Frage der Intelligenz, sondern der Psychologie und des Ethos, speziell des Ethos der Wahrhaftigkeit und der Sachlichkeit. [1]

Mediathek (Video)

»Esoterik: Ein anderer Weg zu Gott?« – Elke & Martin Kamphuis
Dieser Vortrag zeigt die verführerischen Mechanismen auf, die es der Esoterik ermöglicht, Menschen an sich zu binden, ohne ihren Hunger nach Identität, nach Ruhe und Geborgenheit je stillen zu können…Du bist immer weiter auf der Suche nach scheinbarer Wahrheit, die Du scheinbar zum Teil schon erschlossen hast, aber Du kannst nicht erkennen, dass halbe Wahrheiten ganze Lügen sind…
Elke war Esoterikerin, Martin war Buddhist, und Beide waren auf der Suche…auf der Suche nach Wahrheit. Sie fanden den, der von sich sagt: ICH BIN die Wahrheit!

»Buddhismus, Esoterik, Christentum: Unterschiedliche Wege zu Gott?«
Martin & Elke Kamphuis
In der Esoterik geht über die Freiheit alles – so kann jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen und dann zu Gott finden?…jeder muss seinen eigenen Weg gehen und für sein Ziel, in Gottes Nähe zu gelangen, gibt es kaum Schranken-nur das eigene “Selbst”…im Buddhismus bestimmt eher die Leere in uns das Weiterkommen, die Wahrheit ist eher subjektiv und nicht absolut…aber wohin kommen wir damit? Gibt es also wirklich das “Happy-end”, weil alle Wege zu Gott führen?

»Yoga und Transzendentale Meditation« – Klaus Kenneth
Gurus in Indien wissen, was den meisten Yoga-Lehrern unbekannt ist: Nämlich das jede Übung im Yoga an eine Hindu-Gottheit gebunden ist, deren Energie frei in den Übenden einfließt, wenn dieser Yoga macht! Also Heiltechnik statt eines Heilands… Esoterik, Yoga, Buddhismus, östl. Mystik, Übersinnliches, Heilsangebote: etwa jeden Monat ein Neues! Mit geschickten Worten und etwas Erfahrung in Psychologie kann man jeden Menschen alles andrehen. »Herzlose Erbarmungslosigkeit« und »gnaden-lose Egozentrik« lassen uns in die Falle eines Ersatz-Lebens, einer »Virtual Reality’ laufen. Wer will schon glauben, dass Yoga eine Einbahnstrasse in die Selbstvernichtung ist? Die Fata Morgana sind wir selbst, solange wir von Gott getrennt sind.

»Okkultismus, östliche Religionen und New Age«  – Dr. Lothar Gassmann
Eine biblische Warnung: Nicht erst seit Harry Potter, sondern seit jeher haben Menschen Macht und Glück bei Zauberern, Hexern und Wahrsagern gesucht. Sie haben damit Gott den Rücken gekehrt und Satan die Tür geöffnet. Heute werden okkulte Praktiken selbst in christlichen Kreisen verharmlost und toleriert. Umso notwendiger ist diese biblische Warnung

»Esoterik: Gnostik in neuem Gewand« – Interview mit Pater Clemens Pilar
Esoterik: Gnostisches Denken in neuem Gewand. Der Yogakurs in der Volkshochschule, das Horoskop in der Frauenzeitschrift, die Bachblüten-Notfalltropfen für die Kinder in der Handtasche – längst hat esoterisches Gedankengut Eingang in unseren Alltag gefunden und ist für viele Menschen selbstverständlich. Esoterik-Ausstellungen und Astro-Seminare verzeichnen großen Zulauf, auch unter Christen. Pater Clemens Pilar, der sich seit über 20 Jahren mit Esoterik, New Age und Alternativmedizin beschäftigt, nähert sich dem Thema mit sanfter Ironie, aber kenntnisreich.

»Religionsgeschichte: Westliche Esoterik« – Prof. Dr. Schoener
Westliche Esoterik und neue Religiöse Bewegungen
Leibniz Universität Hannover 2010/11

Mediathek (Audio)

»Christentum, Hinduismus und New Age« (englisch/deutsch) – Dave Hunt
Emotionale Missions-Techniken; eine neue Sonne erscheint am Himmel; Hinduismus, Christentum, Ökumene; Zwei Wege: Himmel oder Hölle; Yoga und Selbterlösung; Eden und aktuelle Lügen; Star Wars mind control: »Die Kraft wird mit dir sein«; Holographie; die Reise der Schamanen

»Wir wollen nur Deine Seele!« (mp3) – Elke & Martin Kamphuis

Überblick I Vorträge Elke & Martin Kamphuis (mp3):
Wir wollen nur deine Seele! Menschen – Erleuchtung oder Errettung? New Age: Zeitalter der Seele – Welche Wende bringt die Esoterik? Therapierte Therapeuten: Gott findet zwei Aussteiger; Magie: die Macht des Unsichtbaren; Auf der Suche nach Wahrheit; uvm.

Überblick II Vorträge Elke & Martin Kamphuis (mp3, pdf):
Ganzheitliche Heilung: Heilung durch spirituelle Kraft? Vom Jakobsweg zum Gottesweg; Die vier edlen Wahrheiten des Buddhismus; Eine spirituelle Reise um die Welt; uvm.

Mediathek (PDF)

»Esoterik – die Religion des Übersinnlichen« (pdf)  – Joseph Schumacher
Eine Orientierungshilfe nicht nur für Christen
Die Welt der Esoterik strömt in das religiöse Vakuum unserer Gegenwart. Sie bietet sich an angesichts der Enttäuschung über die moderne Technik und die moderne Zivilisation. Der Ra-tionalismus schlägt um in den Irrationalismus. Es dominiert der Subjektivismus und mit ihm die Kategorie der Erfahrung. Alle bisher gültigen Werte und Verhaltensmuster werden auf den Kopf gestellt. Man flieht in die Welt des Magischen.
Die Konstruktion des menschlichen Geistes tritt an die Stelle der Annahme der Offenbarung. Die diffuse Religion der Esoterik, die eher als undefinierbare Religiosität zu verstehen ist, durchdringt alle Bereiche des gesellschaftlichen, des politischen und des religiösen Lebens. Nicht zuletzt dürfen wir die esoterische Unterwanderung der Kirche in dem Geist der Gesetzlosigkeit erkennen, der sich in der Kirche auf allen Gebieten, im Dogma, in der Moral, in der Disziplin, in der Liturgie und in der Pastoral, ausbreitet, aber nicht nur dort.

Überblick PDF Elke & Martin Kamphuis (pdf):
Bringt der Dalai Lama den Frieden? Der Buddhismus ist anders? Fragen zum Buddhismus; Kalachakra für den Weltfrieden? uvm.

Literatur

»New Age: Geheime Gehirnwäsche« – Reinhard König
Wie man uns heute für morgen programmiert
Wie Sie es vermeiden können, einer »sanften« Verführung zu erliegen! In dem sachlich fundierten Buch kommen führende Vordenker dieser Geistesströmung zu den verschiedenen Teilaspekten des New Age in Originalzitaten ausführlich zu Wort. Dadurch werden Grundlagen und Ziele des “Neuen Paradigmas” verdeutlicht. Anschließend werden diese Gedanken anhand von Aussagen des christlichen Glaubens untersucht. Verlag: Haenssler-Verlag GmbH; ISBN-10: 3775111867; ISBN-13: 978-3775111867

»Grundriss der Religionsgeschichte« – Peter Antes
Von der Prähistorie bis zur Gegenwart
Antes zeichnet die wichtigsten Etappen des religiösen Denkens der Menschheit nach, beginnend mit den ersten Spuren von Religion in der Vorgeschichte über die frühen Kulturen in Asien, Afrika, Europa und Alt-Amerika und die traditionellen Stammes- und Naturreligionen in Asien, Ozeanien, Australien und Afrika bis hin zu den Hochreligionen (darunter u.a. Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Zoroastrismus/Parsismus, Judentum, Christentum, Islam). Ein eigenes Kapitel bilden neuere religiöse Bewegungen, darunter auch die Sikh- und die Bahai-Religion. Ausführungen über diffuse Religion (z.B. Gnosis, Esoterik, Astrologie) sowie Religion und Moderne schließen den Band ab.
Es wird deutlich, wie unterschiedlich die Gottes-, Welt- und Menschenbilder sind, die sich im Laufe der Religionsgeschichte entwickelt haben. Die »Theologische Wissenschaft« erfasst als Sammelwerk für Theologen und Religionspädagogen in Studium und Beruf das Grundlagenwissen aller Gebiete gegenwärtiger evangelischer Theologie. In seiner Gesamtanlage und in der Methode der Einzeldarstellungen verwirklicht das Werk Erkenntnisse und Vorschläge der Diskussion zur Reform der theologischen Ausbildung. Verlag: Kohlhammer; ISBN-10: 3170169653; ISBN-13: 978-3170169654

Quellen

  • »Esoterik – die Religion des Übersinnlichen« (pdf) – Joseph Schumacher; Eine Orientierungshilfe nicht nur für Christen
  • »Der Untergang des Abendlandes II: Welthistorische Perspektiven«, Oswald Spengler, München 1922, 382 f

Anmerkungen:

[1] »Esoterik – die Religion des Übersinnlichen« (pdf) – Joseph Schumacher; Eine Orientierungshilfe nicht nur für Christen

[2] »Trismegistos« bedeutet soviel wie »der dreimal Größte«

[3] Es ist bezeichnend, wenn Shirley MacLaine, eine Exponentin der modernen Esoterik, in ihrer dreibändigen Selbstbiographie das bekannte Hamlet-Wort als Motto voranstellt: »Es gibt nicht wenige Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, von der deine Philosophie nicht träumen kann« (vgl. William Shakespeare, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene). Vgl. Massimo Introvigne, Il cappello del mago. I nuovi movimenti magici. Dallo spiritismo al satanismo, Milano 1990, 118.